Pir Hidayat Inayat-Khan beim Federation-Treffen in Berlin, 18. Mai 2016

Pir Hidyat Inayat Khan´s message at the recent federation gathering 2016
Special Thanks to: Saadi Neil D. Klotz and Baraka v. Kügelgen

Saadi hat dies am 30.05.2016 gemailt:

Liebe Freunde,

hier kommt eine Transkription der Botschaft von Pir Hidayat Inayat-Khan vom kürzlich stattgefundenen Federation-Treffen. Mit 99 war er voll feuriger Energie und seine Botschaft vermittelt sowohl Ermutigung als auch einige Warnungen an diejenigen von uns, die Dienst im Geiste seines Vaters anbieten.

"Wer Ohren hat der höre..."

Liebe und Segen

Saadi

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Geliebte Sufibrüder und -schwestern,

ein ganz herzliches Willkommen dem Federation Retreat, das zum ersten Mal in Berlin, der freundlichen Einladung von Petra-Beate Schildbach folgend, angeboten wird.

Wir freuen uns darauf, einander zu treffen und von jedem wird respektvoll erwartet, dem Glauben des anderen geduldig in einer Atmosphäre von Liebe, Harmonie und Schönheit zu begegnen. Es gibt Diamanten in dem einen Glauben, Rubine in einem anderen und weitere kostbare Juwelen in allen bekannten und unbekannten Glaubensrichtungen.

Laßt uns uns zuerst auf die historischen Worte unseres Meisters beziehen, der sagte:

"Eines der Worte, mit denen der Begriff "Sufi" verwandt ist, ist der griechische Begriff "Sophia", der Weisheit bedeutet. Sufismus ist keine Religion mit einer eindeutigen und bestimmten Lehre. Es gab nie, in keiner Phase der Weltgeschichte, einen Begründer des Sufismus. Weisheit war schon immer das zentrale Thema des Sufismus. Einige Sufischulen existieren noch, und zahllosen Anhängern verschiedener Religionen kommt die Weisheit, die in diesen alten Schulen gelehrt wird, zugute. Zweifellos hat jede Schule ihre eigene Methode, entsprechend der Persönlichkeit ihres Führers."

Und weiter sagte unser Meister:

"Die Sufibewegung besteht aus Mitgliedern verschiedener Glaubensrichtungen, vereint unter dem Ideal der Weisheit. Weisheit gehört keiner bestimmten Religion an, noch einer bestimmte Rasse. Weisheit ist ein göttliches Eigentum, das die Menschheit geerbt hat. Genau diese Erkenntnis vereint alle Sufis der verschiedenen Nationalitäten, Rassen, Glaubensrichtungen. Alle arbeiten für dieses große Ideal."

Wenn wir diesen kostbaren Worten unseres Meisters folgen, stellt sich das Hauptthema Weisheit heute dar als ein fortlaufender Prozess, der darin besteht, den Geist von fanatischen Konzepten zu reinigen, die nicht mehr in unsere Zeit passen. Wenn die Wahrheit auf der Ebene eines individuellen Verständnisses formuliert wird, wird sie in verschiedenen Interpretationen variiert werden, so wie Wasser, welches in farbige Gläser gegossen wird, den Eindruck macht, von der Farbe des Glases getönt zu sein.

Ebenso erklären einige - das Konzept "Religion" betreffend - die Wahrheit im Hinduismus gefunden zu haben, andere im Buddhismus, im Judentum, Christentum, Islam oder in verschiedenen Glaubensrichtungen, der Welt im Allgemeinen bekannt oder unbekannt. Wenn Wahrheit auf die Ebene des menschlichen Verständnisses heruntergebracht wird, wird sie offensichtlich in Ahnengewänder gekleidet, wobei willkürliche Dogmen hervorgehoben werden, die immer schon die Grundursache weltweiter religiöser Konflikte waren.

Spirituelle Freiheit impliziert, für die Konsequenzen seines eigenen kurzsichtigen Verständnisses von Wahrheit verantwortlich zu sein. Und die Vorspiegelung falscher Tatsachen bietet offensichtlich jenen, die erwarten, Wahrhaftigkeit auf der Ebene der Spiritualität zu erleben, ein verwirrendes Beispiel.

Wenn wir die kostbaren Lehren unseres Meisters praktizieren, die "Die Kunst der Persönlichkeit" heißen, merkt man, daß jede vorgefertigte Rolle, sei sie spirituell oder materiell, früher oder später berauschend wird. Und unter diesem Bann hegt und pflegt man die Illusionen des Spiels. Jeder Augenblick bietet eine Gelegenheit, die Lektionen der Vergangenheit neu zu überdenken. Bei einem Sturz gibt es einen versteckten Stolperstein, auf dem man sich über seine Mängel hinweg erheben kann. Jede Anstrengung auf dem Weg zur Erfüllung des Lebenszwecks bringt einen Schritt für Schritt näher zum höchsten Ziel, gesehen als ein bescheidener Beitrag zur Erfüllung des göttlichen Zwecks.

Während dieser Reise ist die Gegenwart die Folge eines Versteckspiels zwischen vergangenen Erfahrungen und tagtäglichen Reaktionen, während sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart unter dem Kommando des Schicksals stehen. Die Zukunft wird die Früchte der Samen zeigen, die in der Vergangenheit gesät wurden. Früher oder später werden sie sich als sauer oder süß erweisen.

Wie man das aus Märchen kennt, gibt es eine Zauberformel, um aus unedlem Metall Gold zu machen. Diese mystische Erzählung symbolisiert die Arbeit, die beim Umgestalten des Selbstbewusstseins auf eine bescheidene Ebene erfolgt. Bescheidenheit ist nicht notwendigerweise Schwäche. Sie ist ein Gefühl, das vom lebendigen Herzen ausgeht, das sich im Stillen seiner inneren Schönheit bewusst ist, sich aber gleichzeitig sogar vor der eigenen Sicht verhüllt.

Jeder von uns könnte als individuelles Licht gesehen werden, welches in verschiedenen Ausprägungen leuchtet. Die Helligkeit dieses Lichts variiert gemäß der Verfassung des inneren Herzens und alle sind gesegnet mit dem selben Strom göttlichen Führung. Und so leisten wir unseren Beitrag zur Sache (the Cause), beauftragt von der Vorsehung – die ganze Lebensreise lang.

Wenn die Herzenstüren offen sind, erwacht Demut, findet sich von Angesicht zu Angesicht mit der göttlichen Führung, enthüllt als Weisheit und Reinheit - die wahre Essenz dessen, was unter dem Ausdruck "Sufi" verstanden wird.

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Pir Hidayat Inayat-Khan beim Federation-Treffen in Berlin, 18. Mai 2016

Übersetzung: Anahita, Baraka